Baumeister für eine Überraschung?

26.09.2016

Vor einem Jahr scheiterte der damalige Meister HC Davos im Swiss Ice Hockey Cup überraschend beim Erstligisten EHC Dübendorf. Diesmal reisen die Bündner wieder zu einem Zürcher Erstligisten, dem EHC Wetzikon. Einer der Hoffnungsträger dort spielte vor rund einem halben Jahr noch in der NLA: der 21-jährige Verteidiger Nigel Wollgast.

Der im Kreis 6 aufgewachsene Stadtzürcher Nigel Wollgast kennt seinen Kanton bestens, kam als Junior zuerst in der Organisation der ZSC Lions und später bei Kloten weit herum und schaffte es mit Umwegen bis in die höchste Liga. 2014, als er seinen ersten Profivertrag unterschrieb, ging der B-Ligist EHC Basel Konkurs und er begann die Saison eine Liga tiefer beim EHC Winterthur, wo seine erste Saison mit dem Aufstieg gekrönt wurde.

Letzte Saison spielte Wollgast damit doch noch in der NLB und im Februar ging es sogar noch eine Liga weiter hinauf.

«Als wir mit Winterthur die Playoffs verpasst hatten, kam der Kontakt zwischen meinem Agent und Lugano zustande. Sie lösten eine B-Lizenz und ich zog dann nach Lugano für vier Monate. Es ist eine Riesenerfahrung, die ich sehr genoss und nie mehr vergessen werde. Ich würde das sofort wiedermachen», sagt Wollgast.

Sein Debüt gab er ausgerechnet im Tessiner Derby vor heimischem Publikum. Eine Woche später bestritt er seine zweite Partie im «Rückspiel» in der Valascia und wurde auch noch während einer Playoff-Partie gegen Zug eingesetzt.

«Die Stimmung und die Euphorie im Tessiner Derby ist fast nicht zu umschreiben, sie ist europaweit etwas Spezielles. Die Emotionen und die Stimmung sind unglaublich.»

Von den NLA-Playoffs in die 1. Liga in wenigen Monaten. Wie kam es dazu?

«Ich hatte schon Lust weiterzumachen, aber ich bin ein Stadtbueb. Ich bin in Zürich aufgewachsen, Zürich bedeutet mir sehr viel, ich bin ein Familienmensch. Ich hätte in der NLB unterschreiben können, hätte dann aber weggehen müssen. Und die finanzielle Gesamtsituation muss auch aufgehen. Bei einem NLA-Angebot hätte ich nicht nein gesagt, dann kam aber das Jobangebot und das war beruflich eine Riesenchance», sagt Wollgast.

Sein Arbeitgeber ist nicht mehr ein Eishockey-Club, sondern seit zwei Monaten Caretta + Gitz, ein Baumanagementunternehmen, wo der frühere ZSC-Stürmer Martin Caretta zu seinen Chefs gehört. Der gelernte Sanitärinstallateur ist dort Junior-Bauleiter und macht die Weiterbildung zum Bauleiter.

«Es war eine grosse Chance in meinem Leben», sagt er, als wir ihn auf seiner Baustelle treffen. Sein Leben ist nun ganz anders als in seinen letzten Monaten als Eishockeyprofi, wo er sich schon einmal ans NLA-Tempo gewöhnen konnte, das dem EHC Wetzikon am 28. September blüht, wenn der HC Davos im Zürcher Oberland zu Gast ist.

«Es war viel schneller für mich als in der NLB. Es war aber ein cooles Team, ich wurde von den Spielern extrem unterstützt. Es war für mich anders dort, ich hatte keinen anderen Job, ich fokussierte mich voll, damit ich in jedem Training meine volle Leistung bringe», sagt er. Nun ist es ein bisschen anders. Pro Woche gibt es zwei Spiele und drei Trainings. «Und wenn ich mal nicht an ein Spiel kommen kann, ist es halt so. Mein Fokus ist nun auf den Beruf gestellt.»

Als er sich für die Privatwirtschaft entschied, entschied er sich auch für die 1. Liga. Beim EHC Wetzikon kannte er schon einige Spieler und der Sportchef bemühte sich um ihn.

«In Wetzikon sind wir gut zusammengewachsen, haben eine gute Stimmung in der Garderobe und der ganze Staff ist sehr sympathisch», sagt der jüngere Bruder des Thurgau-Verteidigers Sacha Wollgast kurz vor dem Saisondebüt in Seewen.

Das Cup-Spiel war zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema. Wie man es fast schon klischeehaft bei den Profis hört, nehmen es auch die Wetziker Spiel für Spiel. Zuerst gab es zwei Gegner in der 1. Liga, wo Wollgast hofft, mit dem Team das Finale zu erreichen.

«Das Cup-Spiel war nicht so ein Thema, der Fokus ist auf die 1.-Liga-Saison. Aber wenn das Spiel kommt, werden wir schon etwas nervöser werden», sagt er. Mit dem EHC Winterthur hat er bereits Erfahrungen aus erster Hand.

«Für kleine Vereine sind das Riesenspiele. Man kann sich mit den besten Spielern der Schweiz vergleichen, hat viele Zuschauer und noch eine coolere Stimmung als sonst», sagt er.

«Der HC Davos ist ein grosser Verein im Schweizer Eishockey. Es ist schön, im Cup gegen so einen grossen Brocken anzutreten. Sie sind natürlich die Favoriten», sagt er. Taktisch wurde vor dem Saisonstart in der Liga noch nicht gross gesprochen, wie man den Favoriten bändigen kann. Aber auch das kommt noch zu seiner Zeit.

«Es nimmt mich Wunder, wie es sein wird. Wir gehen ins Spiel, können nicht verlieren. Wir spielen unser Hockey und dann schauen wir», sagt Wollgast. «Der Vorteil der kleinen Gegner ist, dass sie unterschätzt werden können, das sahen wir letztes Jahr mit Dübendorf. Sie denken sich vielleicht <die putzen wir mit links>. Aber es hat auch hier ein paar gute Spieler, denen einfach der Schritt in die NLA oder NLB nicht gelang, aber auch talentiert sind und Tore schiessen können.»

Ein wirkliches Vorbild im Eishockey hat Wollgast nicht. Der Sportler, der ihn seit jeher am meisten inspiriert hat, ist Roger Federer. Beim Cup-Gegner freut er sich am meisten über die Ausländer.

«Die Ausländer im Team sind immer speziell, sie sind oft die Leader in der Mannschaft, welche die meisten Punkte holen. Da ist es natürlich immer schön, wenn man einen Zweikampf gewinnt», sagt er.

Wird Wollgast vielleicht gar der Baumeister für eine nächste Überraschung? Noch zwei Mal schlafen und dann können sich die Wetziker Spieler und Fans auf den Cup-Knüller freuen.

 

Von Martin Merk