Er schoss den Meister ab

22.10.2015

Bild: Mauricette Schnider

In der ersten Runde gelang die grösste Schlagzeile zweifellos dem EHC Dübendorf, der den Meister HC Davos eliminierte. Den Steinbock abgeschossen hat dabei ein Mann aus der hinteren Reihe. Der 25-jährige Verteidiger Damian Reichart drückte in der Verlängerung ab und traf. Nun wartet der EHC Visp als nächste Cup-Gegner.

«Ich lauerte in der Verlängerung an der blauen Linie. Wir spielten vier gegen vier, das Spiel ist so immer etwas offener. Die Stürmer waren in den Ecken und ich machte eine „flat attack“, da kam der Pass und ich habe einfach geschossen und er ging rein», erinnert sich der frühere ZSC-Junior an seinen grossen Moment.

«Es war ein unglaubliches Gefühl. Es war Adrenalin pur. Alle waren am Jubeln, es war genial. Es ist eines der wichtigsten Tore meiner Karriere.»

Damit stand Reichart, der letzte Saison in 41 Spielen mit Dübendorf fünfmal traf, ungewohnt im Rampenlicht. Sein Handy musste er öfters laden als auch schon.

«Alle haben mir gratuliert, es kamen viele Reaktionen auch von Leuten, von denen ich schon lange nicht mehr gehört hatte», sagt er. Dazu gab es ungewohnt Interviewtermine. Doch nach dem Spiel blieb es für den Siegestorschützen schlicht, er trank Bierchen mit der Familie und Freunden.

Im Alltag ist der Rummel etwas kleiner. Reichart lebt in Zürich an der Grenze der Quartiere Höngg und Altstetten, spielt in Dübendorf und arbeitet als Zahntechniker in Thalwil. Passt zum Eishockey, könnte der eine oder andere Leser scherzhaft denken – und in der Tat hat Reichart schon zahlreiche Zahnschütze für sich selbst und einige Teamkollegen gefertigt. Damit ist er gut ausgelastet, trifft sich aber, wenn er Zeit hat, gerne mit Freunden für ein gutes Essen oder zum Ausgehen.

Nach seiner Nachwuchskarriere in der ZSC-Organisation schaffte Reichart den Sprung zu den GCK Lions in der NLB nicht. 2010 kam er in der NLB zu drei Spielen, dazu wurde er letzten Winter aufgrund von Abwesenden während der U20-WM für zwei Spiele in die NLB berufen und traf sogar beim Auswärtssieg der Lions in Olten kurz vor Weihnachten. In der Lions-Organisation ist üblicherweise Dübendorf die nächste Station in der 1. Liga und diesem Club blieb Reichart treu, nimmt gerade die sechste volle Saison in Angriff.

«Ich kam von den Elite A zu den GCK Lions mit einem NLB-Vertrag, habe dort den Sprung aber nicht geschafft und so kam ich nach Dübendorf. Ich wollte nicht unbedingt zu einem anderen Club. Für mich war es auch toll in der 1. Liga zu spielen, vor allem mit Dübendorf», sagt der Zürcher rückblickend.

Zum Eishockey kommt er üblicherweise viermal die Woche. Diese sieht beim ambitionierten Erstligisten üblicherweise so aus: Montag Training, Mittwoch Spiel, Freitag Training, Samstag Spiel.

Mit Dübendorf gewann Reichart 2013 die Ostschweizer Gruppe der 1. Liga. «Leider versagten wir aber ein bisschen in der Finalrunde», fügte er an. Ein Jahr später war alles besser und die Dübendorfer gewannen auch die Finalrunde gegen Franches-Montagnes sowie im Finalspiel nach Penaltyschiessen gegen Wiki-Münsingen und holten sich dabei den Schweizer Meistertitel der Regio League. Dies war bislang sein grösstes Karrierehighlight, nun kam Cup sei Dank ein Neues hinzu.

«Ich finde es riesig für einen 1.-Liga-Verein so einen Match spielen zu dürfen und jetzt dürfen wir sogar zwei spielen. Für einen Club aus der 1. Liga ist es finanziell auch eminent wichtig. Sportlich ist es ein Highlight für jeden Hockeyspieler, wenn man gegen ein NLA- oder NLB-Team spielen darf vor ausverkauftem Haus», sagt er zum Wettbewerb, der vor einem Jahr wiederbelebt wurde.

Als nächster Gegner wartet mit dem EHC Visp eine Mannschaft aus der NLB, die vor einem Jahr ebenfalls einen Sieg gegen den HC Davos schaffte. Mit Niki Altorfer, Sacha Wollgast und Marc Geiger kennt er dort drei Spieler mit Lions-Vergangenheit, habe aber noch nicht mit ihnen über die Partie gesprochen. Möglich, dass sich dies bis zum Duell am 27. Oktober noch ändert.

«Visp wird sicher auch ein spannender Gegner. Es ist ein NLB-Team, es ist nur eine Stufe höher als wir. Ich habe ein bisschen verfolgt, was sie so im Cup und der Liga gespielt habe, aber viel mehr kann ich über sie nicht sagen», so Reichart. «Aber wir werden der Underdog sein, das ist ganz klar.»
Wie gegen Davos wollen die Dübendorfer aber nicht vor allzu grosser Ehrfurcht erstarren und können ihre Stärken und Schwächen.

«Wir haben uns noch nicht so viel mit dem Spiel befasst, aber es ist schneller und technisch stärker, aber wir stehen von der Qualität im Team her zwischen der 1. Liga und der NLB. Wir haben ein sehr talentiertes Team. Mit dem Team würden wir in der NLB nicht abfallen, das sieht man auch am Beispiel von Winterthur. Ich hoffe, dass es ein interessantes und schnelles und attraktives Eishockeyspiel wird.»

Davor einen Tipp abzugeben hütet sich Reichart, hofft aber auf ein spannendes Spiel für die Zuschauer und eine volle Halle. Und wer weiss, vielleicht wird es wieder der Verteidiger, der den Stock zur richtigen Zeit am richtigen Ort hat.

Von Martin Merk